24 Apr 2012

„Während die Pole schmelzen, ertrinken wir“

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Die Veränderungen an den beiden Polen, in Arktis und Antarktis, haben Einfluss auf die ganze Welt, nicht nur auf die Polarregionen. „Die Auswirkungen erreichen alle Ecken dieses Planeten“, sagt Ronald Jumeau, Sonderbotschafter für Klimawandel der Regierung der Seychellen. Je mehr das Eis im Norden und Süden, auf den Bergspitzen und in den Gletschern schmelze, „um so mehr geht unsere Welt auf den kleinen Seychellen, im Indischen Ozean, im Pazifik, Atlantik und in der Karibik unter“.

Mehr als 2500 Wissenschaftler haben sich in Montreal versammelt, um auf der Konferenz „International Polar Year 2012“ Bilanz der Forschungsergebnisse des internationalen Polarjahrs 2007/2008 zu ziehen und über Wege zu sprechen, dies in Handeln umzusetzen. „From Knowledge to Action“ – von Kenntnis zum Handeln, lautet das Motto der Konferenz. Gro Harlem Brundtland, die frühere norwegische Ministerpräsidentin und als Vorsitzende der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung eine maßgebliche Kraft im globalen Umweltschutz, rief bei der Eröffnung der Konferenz zu neuen Anstrengungen auf, angesichts der dramatischen Veränderungen in Klima- und Wettermustern den Ausstoß an Treibhausgasen zu reduzieren, um den Temperaturanstieg zu bremsen. Das Kyoto-Protokoll habe seine Schwächen, „wir können es uns aber nicht leisten, es ohne Alternative zur Seite zu schieben.“

Diese Mahnungen mögen sich auch an Gastgeber Kanada gerichtet haben, das nach dem Regierungsantritt des konservativen Premierministers Stephen Harper Verhandlungen über die Fortschreibung des Kyoto-Protokolls zunächst blockiert hatte und im Dezember vergangenen Jahres dann als erstes Industrieland aus dem Kyoto-Protokoll ausstieg. Dass sie die der  Ölsandförderung verpflichtete Harper-Regierung umstimmt, wird die Politikerin aber vermutlich selbst kaum erwarten.

Der bewegendste Appell zum Handeln kam von Ronald Jumeau von den Seychellen (den Vortrag dokumentiere ich im Wortlaut in einem weiteren Blog). „Während die Pole schmelzen, ertrinken wir“, sagte er. Er denkt bei den Folgen des Klimawandels aber nicht nur an den steigenden Meeresspiegel, der sein Land und andere kleine Inselstaaten bedroht. „Die Küstenerosion wird schlimmer, so sehr, dass einige Inseln weggespült sein könnten, bevor die Wellen über sie hinweggehen und sie von der Erde wegwischen.“ Berge werden gesprengt, um Felsblöcke zum Schutz der Küste zu haben. Und war es bisher so, dass erst nach Beginn der Trockenheit im Juli Einschränkungen beim Wasserverbrauch verfügt wurden, kamen diese Anordnungen in diesem Jahr bereits im Februar.

Er sage den Völkern der Arktis, den Inuit, Sami und den anderen indigenen Völkern des polaren Nordens: „Wir Inselbewohner von den Tropen fühlen euren Schmerz, wir teilen eure Befürchtungen.“ Und wenn sich diejenigen, die sowohl für die Umweltbelastung als auch den Schutz der Polarregionen zuständig sind, weigern zu handeln, verdienten sie „die Verurteilung durch alle Völker dieser Erde”, sagte der Politiker. Er ist Diplomat. Er verzichtete darauf, ein Land namentlich zu erwähnen.

„Die Veränderungen berühren uns alle“, betonte auch Professor Karin Lochte, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Sie berichtete über den Rückgang der Dicke des Meereises, die 1991 an den meisten Messpunkten noch bei zweieinhalb Metern gelegen habe, einige Jahre später aber nur noch knapp unter einem Meter, und dass damit mehr Licht das Eis durchdringt und das Leben im Wasser verändert. Sie sprach davon, wie der Verlust von Meereis das Klima in der nördlichen Hemisphäre beeinflusst, dass durch die geringere Bedeckung des Ozeans mit Eis dieser mehr Wärme speichern kann, die die so genannte Arktische Oszillation beeinflusst, und Europa dadurch mit einer Häufung kälterer Winter rechnen muss. Sie erwähnte auch den im vergangenen Jahr erstmals in dieser Dimension beobachteten Ozonverlust über der Arktis, der vermutlich durch eine stärkere Abkühlung der Stratosphäre der Arktis ausgelöst wurde. „Die Veränderungen in den Polarregionen sind ein globales Thema. Die Welt muss sich ihrer Verantwortung stellen und muss handeln.“

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